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11. Februar 2023

Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt

Die jährliche Konferenz des World Economic Forum in Davos versammelt führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit der bescheidenen Agenda, „den Zustand der Welt zu ergründen“ – so wie seit mehr als 50 Jahren. Die Schwerpunkte der Agenda 2023 bieten der World Alliance einen guten Anlass, sich an der Reflexion über ihre eigenen Schwerpunkte zu beteiligen; schließlich sorgt sie tagtäglich für Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt.

Die fünf Themen von Davos 2023 sind der World Alliance vertraut:

  • Bewältigung der aktuellen Energie- und Lebensmittelkrisen im Zusammenhang mit einer Neugestaltung von Produktion und Verteilung.
  • Bewältigung der derzeit hohen Inflation, des geringen Wachstums und der hohen Verschuldung im Kontext eines neuen Systems
  • für Investitionen, Handel und Infrastruktur.
  • Bewältigung des Gegenwinds für die Wirtschaft durch die Nutzung von Spitzentechnologien für unternehmerische Innovation und Resilienz.
  • Reaktion auf soziale Verwundbarkeiten durch neue Arbeitsformen und Weiterqualifizierung.
  • Schaffung eines neuen Systems für Dialog und Zusammenarbeit in einer multipolaren Welt.

Was stach in Davos hervor?

Dies war das erste Präsenztreffen in der Schweiz seit drei Jahren. Dennoch erschienen nicht alle. Einige Journalisten merkten an, dass die spektakulärsten Partys der letzten Jahre 2023 nicht wieder gefeiert wurden, weil die russische Delegation stark verkleinert war. China hingegen entsandte einen Spitzenpolitiker, der verkündete, dass das Land mit der Aufhebung der Beschränkungen der Null-Covid-Politik wieder voll zurück und in die globalen Angelegenheiten eingebunden sei.

Die fünf Jahrzehnte an Reden und Gesprächsrunden beim World Economic Forum blicken auf eine Geschichte großer Erfolge und Misserfolge zurück, was durch und durch menschlich ist. Davos war voll und ganz Teil der neoliberalen Wirtschaftsagenda, und die Risse und Spannungen dieses übergreifenden ideologischen Rahmens werden sichtbar – selbst in den wunderschönen Alpen. Die Vorstellung, dass der internationale Handel weitgehend positive Veränderungen anstoßen würde – aus Sicht seiner selbsternannten globalen Führungsriege –, hat sich nicht ganz wie erwartet bewahrheitet.

Obwohl er nicht unmittelbar Teil der fünf Themen war, nahm der Krieg in der Ukraine eine herausragende Rolle ein. Die First Lady der Ukraine, Selenska, sprach persönlich vor der Konferenz, Präsident Selenskyj per Video. Eine hochkarätige Gesprächsrunde informierte die Teilnehmenden über den Stand des Krieges.

Der Klimawandel lag buchstäblich in der Luft: Der erste Schnee des Winters fiel kurz vor Konferenzbeginn und hüllte den Ort endlich in etwas Weiß. Die anwesenden Minister der Welthandelsorganisation kamen erstmals überhaupt zusammen, um sich mit Klimafragen zu befassen. Angesichts der in der Berglandschaft für alle sichtbaren Dringlichkeit drängten sich Klimafragen in zahlreiche Diskussionen, darunter zu Fiskalpolitik, Technologie, Politik und schlicht zu den Kosten extremer Wetterereignisse.

Konkrete Erkenntnisse

1. Bidens Inflation Reduction Act (IRA)

Sechs Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes konzentrieren sich die Delegierten weiterhin auf die Auswirkungen der darin vorgesehenen grünen Ausgaben in Höhe von $369 Mrd. Das Interesse der Investoren an Technologien von Fahrzeugbatterien bis hin zu grünem Wasserstoff ist sprunghaft gestiegen.

Viel gesprochen wurde auch über die heftige Reaktion der EU, die die Bestimmungen zur lokalen Produktion in den USA als diskriminierend ansieht. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, von der Leyen, stellte die eigenen Pläne der EU für ein grünes Anreizpaket vor. US-Senator Manchin, der Urheber des IRA, sagte EU-Vertretern, dass niemand, der am Gesetzgebungsverfahren beteiligt war, jemals beabsichtigt habe, Europa vor den Kopf zu stoßen. Diese Botschaft griff die US-Handelsbeauftragte Tai auf, die einen stärker kooperativen transatlantischen Ansatz hervorhob, etwa nach dem Modell für die Produktion von Computerchips.

2. Scope 3 der internationalen Nachhaltigkeitsstandards

Davos hat in der Vergangenheit Debatten über grüne Rechnungslegungsstandards organisiert. In diesem Jahr ging es um den Rahmen des International Sustainability Standards Board, der nach Erwartung vieler im kommenden Sommer vorliegen wird. Man spürte in der Unternehmens- und Finanzwelt eine wachsende Gegenbewegung gegen die Scope-3-Kohlenstoffberichterstattung, die die Emissionen der Lieferanten und Kunden eines Unternehmens betrifft.

Unternehmen sorgen sich zunehmend über die rechtlichen Haftungsrisiken, die ihnen durch eine umfassende grüne Rechnungslegung entstehen könnten. Kapitalmarktbehörden sind häufig für Rechnungslegungsstandards zuständig, und eine von ihnen – die US Securities and Exchange Commission – geht entschieden gegen falsche Berichterstattung vor. Einige große amerikanische Finanzunternehmen beobachten die rechtsgerichtete politische Gegenbewegung gegen ESG. Der dritte – und vielleicht wichtigste – Punkt ist jedoch, dass die Verwaltungsräte der Unternehmen, während sie die Umsetzung dieser neuen Standards endlich ernst nehmen, feststellen, wie schwierig es ist, die für die Scope-3-Berichterstattung erforderlichen granularen Daten zu erhalten; dies gilt insbesondere für Unternehmen, deren Lieferketten auf kleine Betriebe in Entwicklungsmärkten angewiesen sind.

3. Grüner Wasserstoff

Viel gesprochen wurde unter anderem über neue Arten biologisch abbaubarer Kunststoffe, grünen Flugzeugtreibstoff, Fusionsenergie und neue technologiegestützte Systeme zur Senkung der Emissionen von Gebäuden. Besonderes Augenmerk lag jedoch auf grünem Wasserstoff – einer Technologie, die sich noch in den frühesten Phasen ihrer Einführung befindet. Bundeskanzler Scholz erklärte, es werde einen Elektrolyse-Boom geben. Der Düngemittelmanager Holsether drängte die führenden Politiker der EU, ihre Unterstützung für Wasserstoff zu beschleunigen; der australische Milliardär Forrest versprach, dessen Einsatz im Bergbausektor voranzutreiben.

4. COP28

Die Vereinigten Arabischen Emirate stellten ihre Pläne für die COP28 vor, die später in diesem Jahr in Dubai stattfindet. Die Wahl der VAE als Gastgeber ist höchst umstritten, insbesondere seit der Chef ihrer nationalen Ölgesellschaft zum Konferenzpräsidenten ernannt wurde.

UN-Klimachef Stiell sagte, die Ausrichtung der Veranstaltung in einem großen Ölförderstaat biete die Chance, sich mit „schwierigen Fragen“ auseinanderzusetzen – die Welt werde es schwer haben, ohne die Beteiligung der Giganten der fossilen Brennstoffe Netto-Null zu erreichen. Dean Kyte von der Fletcher School der Tufts University ist der Ansicht, dass die VAE mit der Übernahme der COP28 gerade wegen ihres CO2-Fußabdrucks ernsthafte Verantwortung übernehmen müssen. Da der COP-Prozess erstmals von einer Persönlichkeit aus der Wirtschaft geleitet wird, könnte er in der Wirtschaft neue Glaubwürdigkeit gewinnen.

Ein weiterer Vorteil könnte die geografische Lage und kulturelle Reichweite der VAE sein – nach Norden und Süden, Osten und Westen. Das könnte helfen, Vereinbarungen zu erzielen. Da die Golfstaaten infolge des Energieschocks von 2022 über enorme Barreserven verfügen, könnten die VAE über die Mittel verfügen, klimabezogene Hilfen für arme Länder und/oder Kapital zur Anschubfinanzierung von Blended-Finance-Initiativen voranzubringen.

5. Die „Blue Peace“-Anleihe der Schweiz

Vor einem gebannten Publikum aus Investoren und Verfechtern der Nachhaltigkeit starteten Schweizer Vertreter eine Roadshow für ihre „Blue Peace“-Anleiheinitiative, die in Partnerschaft mit der UN entwickelt wurde, um neue Mittel in einen zentralen, aber vernachlässigten Aspekt der Entwicklung zu lenken: den Zugang zu Wasser.

Die Anleihen sollen Mittel für lokale Behörden und andere nichtstaatliche Einrichtungen beschaffen, um Infrastruktur zu entwickeln, die sowohl den Mangel als auch den Überfluss an Wasser bewältigt. Beide Extreme sind weltweit wesentliche Ursachen für Armut, Konflikte und Migration. Ziel ist es, im nächsten Jahr eine erste Anleihe für die Gambia River Basin Development Organization aufzulegen, um für gefährdete Bevölkerungsgruppen den Zugang zu sauberer und bezahlbarer Energie, sicherem Trinkwasser, Ernährungssicherheit und anderen wasserbezogenen Dienstleistungen zu verbessern. Wenn dies Kommunen und Einrichtungen wie Flussgebietsorganisationen den Zugang zu bezahlbaren Finanzierungen ermöglicht, die bisher nationalen Regierungen und multilateralen Gruppen vorbehalten waren, umso besser. Doch die Kosten und praktischen Fragen, die damit verbunden sind, sicherzustellen, dass lokale Gemeinschaften diese Vorteile tatsächlich erhalten, werden nicht einfach zu bewältigen sein.

Die hier veröffentlichten Beiträge geben die Ansichten der jeweiligen Autorinnen und Autoren wieder und nicht notwendigerweise die der World Alliance.