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27. November 2024

Der Wirtschaftsnobelpreis 2024

Was macht ein Land wohlhabender als ein anderes?

Die Auszeichnung

Im Oktober 2024 verlieh die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften den Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel. Die drei gemeinsamen Preisträger waren Daron Acemoglu und Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology sowie ihr Kollege an der University of Chicago, James Robinson. Der Preis wurde gemeinsam verliehen „für Studien darüber, wie Institutionen entstehen und den Wohlstand beeinflussen“.

Die Begründung fährt fort: „Sie haben uns geholfen, die Unterschiede im Wohlstand zwischen Nationen zu verstehen. Die diesjährigen Preisträger der Wirtschaftswissenschaften haben die Bedeutung gesellschaftlicher Institutionen für den Wohlstand eines Landes nachgewiesen. Gesellschaften mit schwacher Rechtsstaatlichkeit und Institutionen, die die Bevölkerung ausbeuten, erzeugen weder Wachstum noch Veränderungen zum Besseren. Die Forschung der Preisträger hilft uns zu verstehen, warum.“

Als die Europäer ab dem 16. Jahrhundert große Teile der Welt kolonisierten, wurden die Institutionen in diesen Gesellschaften abrupt und radikal verändert. Dies geschah mitunter dramatisch, aber keineswegs überall auf die gleiche Weise – jedes der Kolonialländer brachte unterschiedliche Regierungsformen in die sehr verschiedenen betroffenen Gesellschaften in weiten Teilen der Welt. Andernorts bestand das Ziel darin, die indigene Bevölkerung auszubeuten und Ressourcen zum Nutzen der Kolonisatoren abzuschöpfen. An wieder anderen Orten schufen die Kolonisatoren inklusive politische und wirtschaftliche Systeme zum langfristigen Nutzen europäischer Migranten, und schließlich wurden diese Institutionen über sehr lange Zeit hinweg geöffnet und reformiert, um auch die indigenen Völker einzubeziehen. Dies war also der Gegenstand der Forschung der Preisträger.

Diese Forschung hat gezeigt, dass eine Erklärung für die Unterschiede im Wohlstand der Länder in den gesellschaftlichen Institutionen liegt, die während der Kolonisierung eingeführt wurden. Inklusive Institutionen wurden häufig in Ländern eingeführt, die zum Zeitpunkt ihrer Kolonisierung arm waren, was im Laufe der Zeit zu einer allgemein wohlhabenden Bevölkerung führte. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, warum ehemalige Kolonien, die einst reich waren, heute arm sind, und umgekehrt. Das Konzept gesellschaftlich inklusiver gegenüber extraktiven Institutionen ist der zentrale Gedanke; die statistische Grundgesamtheit, die als Informationsquelle für diese Studien diente, umfasste sehr große Teile der Welt in all ihrer Vielfalt.

Manche Länder geraten in eine Lage mit extraktiven Institutionen und geringem Wirtschaftswachstum, und viele sind noch immer in diesen Verhältnissen gefangen, nun jedoch ohne ausländische Kolonialherren. Die Einführung inklusiver Institutionen würde langfristige Vorteile für alle schaffen, doch extraktive Institutionen verschaffen den Machthabern kurzfristige Gewinne. Solange das politische System garantiert, dass die Machthaber die Kontrolle behalten, wird niemand ihren Versprechen künftiger Wirtschaftsreformen vertrauen. Den Preisträgern zufolge ist dies der Grund, warum sich Jahrzehnt für Jahrzehnt nichts verbessert.

In scheinbarem Widerspruch dazu kann diese Unfähigkeit, glaubwürdige Versprechen positiver Veränderungen abzugeben, jedoch auch erklären, warum es mitunter zu einer Demokratisierung kommt. Droht eine Revolution, stehen die Machthaber vor einem Dilemma. Sie würden lieber an der Macht bleiben und versuchen, die Massen durch das Versprechen wirtschaftlicher Reformen zu beschwichtigen, doch die Bevölkerung wird kaum glauben, dass sie nicht zum alten System zurückkehren, sobald sich die Lage beruhigt hat. Letztlich besteht die einzige Möglichkeit, die über die Jahre von denjenigen erworbenen Vorteile zu bewahren, die in der Lage waren auszubeuten und auszugrenzen, womöglich darin, die Macht zu übertragen und eine Demokratie zu errichten.

„Die Verringerung der enormen Einkommensunterschiede zwischen Ländern ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Preisträger haben gezeigt, welche Bedeutung gesellschaftliche Institutionen dafür haben“, sagt Jakob Svensson, Vorsitzender des Komitees für den Preis für Wirtschaftswissenschaften.

Ein vertiefter Blick[1]

Die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung erzielen weniger als ein Zehntel des Gesamteinkommens und besitzen nur 2 Prozent des gesamten Nettovermögens. Diese Ungleichheit wird in erster Linie durch Unterschiede zwischen Ländern verursacht, auf die etwa zwei Drittel der globalen Einkommensungleichheit entfallen. Derart große und anhaltende Einkommensunterschiede zwischen Ländern sind mit dem neoklassischen Grundmodell des Wachstums unvereinbar, das vorhersagt, dass arme Länder unter sonst gleichen Bedingungen im Laufe der Zeit zu reichen Ländern aufschließen sollten. Eine solche Konvergenz des Pro-Kopf-Einkommens zwischen Ländern ist jedoch nicht zu beobachten.

Im Leben, wenn auch nicht in der Theorie, sind die übrigen Bedingungen eben nicht gleich. Arme Länder unterscheiden sich von reichen Ländern bei den unmittelbaren Bestimmungsfaktoren von Einkommen und Wachstum, wie Investitionen, Bevölkerungswachstum, Bildung von Humankapital und Produktivität. Zudem unterscheiden sie sich in der Beschaffenheit ihrer Institutionen – jener von Menschen geschaffenen formellen und informellen Beschränkungen, die das Zusammenwirken im wirtschaftlichen und politischen Bereich prägen und die in den Studien der Preisträger über Jahrzehnte hinweg als grundlegende Triebkräfte des Wohlstands herausgestellt wurden. Diese Beobachtung fand sich bereits im Werk von Douglass North, dem Träger des Wirtschaftsnobelpreises 1993, dessen Postulate die jetzigen Preisträger weitergeführt und vertieft haben.

Die Frage lautet dann, warum arme Länder nicht einfach die bewährten Modelle reicher Länder nachahmen und im Laufe der Zeit aufholen. Die Nobelpreisträger 2024 haben zur Beantwortung dieser grundlegenden Frage beigetragen. Allgemein gesprochen lautet der zentrale Grundsatz ihrer Forschung, dass der Wohlstand der Nationen grundlegend von politischen Institutionen geprägt wird. Das heißt, es gibt eine Hierarchie von Institutionen, in der politische Institutionen die wirtschaftlichen Institutionen beeinflussen und die wirtschaftlichen Institutionen wiederum die wirtschaftlichen Ergebnisse. Genauer gesagt hat die Arbeit der Preisträger unser Verständnis dafür verbessert, warum manche Länder wachstumsfördernde Institutionen einführen und andere nicht. Damit haben sie das öffentliche Verständnis dafür vertieft, warum es nicht zu einer Konvergenz der Einkommen zwischen Ländern kommt.

Im weitesten Sinne sind die Beiträge von Acemoglu, Johnson und Robinson zweifacher Natur. Erstens haben sie erhebliche Fortschritte bei der Entwicklung von Methoden für seriöse Forschung zu der komplizierten und empirisch schwierigen Aufgabe erzielt, die Bedeutung formeller wie informeller Institutionen für den Wohlstand quantitativ zu bewerten. Zweitens hat ihre theoretische Arbeit auch die Untersuchung der Frage vorangebracht, warum und wann sich politische Institutionen verändern. Ihre Beiträge liefern sowohl substanzielle Antworten auf zentrale sozioökonomische Fragen als auch neuartige Analysemethoden.

[1] https://www.nobelprize.org/uploads/2024/10/advanced-economicsciencesprize2024.pdf. Dieses Papier erläutert den wissenschaftlichen Hintergrund der Verleihung dieses Preises.

Die hier veröffentlichten Beiträge geben die Ansichten der jeweiligen Autorinnen und Autoren wieder und nicht notwendigerweise die der World Alliance.