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12. Oktober 2026

Die Rolle des ISSB in Frankfurt als Mitgestalter globaler Regeln

Mit freundlicher Genehmigung von Frankfurt Main Finance. Dies ist eine Kopie des Originalbeitrags auf der Website von Frankfurt Main Finance, der zuerst als Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung erschienen ist.

Das ISSB verankert Frankfurt im Wettbewerb um globale Nachhaltigkeitsstandards. Entscheidend bleibt, wie eng Europas Regeln darauf abgestimmt werden und wie dies die Unternehmen entlastet. Ein Gastbeitrag von Oliver Behrens, Präsident von Frankfurt Main Finance, in der Börsen-Zeitung.

Der Begriff der europäischen Autonomie hat in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Geopolitische Spannungen, ein zunehmend konfrontativer wirtschaftlicher Wettbewerb sowie Herausforderungen wie der Klimawandel und die Digitalisierung zwingen Europa, seine internationale Handlungsfähigkeit zu stärken.

Autonomie bedeutet dabei weder Abschottung noch wirtschaftliche Autarkie. Autonomie bedeutet, europäische Interessen klar zu definieren, Prioritäten zu setzen und sie in einer vernetzten Welt wirksam zu vertreten. Dazu gehören gemeinsame Regelwerke – oder zumindest solche, die nahtlos aufeinander abgestimmt sind und den Unternehmen Doppelarbeit ersparen –, auch in der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Wer in der Nachhaltigkeitsberichterstattung global anerkannte Standards setzt, beeinflusst unmittelbar globale Kapitalströme und Unternehmensbewertungen. Damit Europas Stimme in der Debatte über solche Standards mehr Gewicht erhält, ist Augenmaß gefragt. Das war beispielsweise bei der Entscheidung der Fall, wie umfassend und wie detailliert Unternehmen berichten müssen, damit Investoren ausreichend belastbare und vergleichbare Informationen erhalten, um die Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu beurteilen.

Nachhaltigkeit ist längst ein zentraler Faktor, der wirtschaftliche Entscheidungen beeinflusst. Investoren, Unternehmen und Aufsichtsbehörden benötigen verlässliche, vergleichbare und international anerkannte Informationen zu Klimarisiken, Umweltauswirkungen, sozialen Faktoren und guter Unternehmensführung.

Genau hier setzt das ISSB an. Es entwickelt weltweit einheitliche Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese „globale Basis“ macht Nachhaltigkeitsinformationen für Investoren vergleichbarer, transparenter und besser nutzbar. Seit seiner Gründung im Jahr 2021 treibt das ISSB die Harmonisierung der globalen Nachhaltigkeitsberichterstattung für die Kapitalmärkte voran. Mehr als 45 Jurisdiktionen haben sich bereits zur Übernahme verpflichtet und bereiten sich entsprechend vor; in 18 davon soll die Berichterstattung 2027 beginnen. Und in Europa markierte der Delegierte Rechtsakt vom Juli 2026 einen weiteren wichtigen Schritt hin zur Behandlung beider Standardsätze als funktional vergleichbar. Ziel wäre es, für die EU den IFRS Adoption Status als Bestätigung der Gleichwertigkeit zu erhalten, sodass Unternehmen mit ihren ESRS-Berichten zugleich die Anforderungen des ISSB erfüllen.

Wer internationale Standards entwickelt, ihre Umsetzung begleitet und ihre Anwendung fördert, setzt die Maßstäbe, an denen sich Unternehmen und Kapitalmärkte orientieren. Sie sind damit ein wesentliches Instrument wirtschaftlicher Gestaltungsmacht.

Mit den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) verfolgt Europa einen eigenen Ansatz. Die Standards werden von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) entwickelt. Sie berücksichtigen nicht nur den Informationsbedarf der Investoren, sondern auch die Auswirkungen unternehmerischen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft sowie die damit verbundenen politischen Ziele der Europäischen Union.

Zwischen ISSB und EFRAG besteht kein Widerspruch. Im Gegenteil: Beide Institutionen arbeiten daran, ihre Regelwerke kompatibel zu machen. Das Ziel ist klar: Doppelberichterstattung vermeiden und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sichern.

Ein solcher Ansatz ist nicht zuletzt auch Ausdruck europäischer Autonomie. Europa koppelt sich nicht ab, sondern bringt seine Vorstellungen aktiv in den globalen Standardisierungsprozess ein. So gewinnen europäische Werte und regulatorische Ansätze internationale Wirksamkeit. Einfluss entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Kooperation, Expertise und institutionelle Gestaltungskraft.

Ein enger Schulterschluss in der Nachhaltigkeitsberichterstattung ermöglicht größtmögliche Kompatibilität und verhindert, dass Europa auf einen isolationistischen Sonderweg gerät. Es ist daher wichtig, dass das ISSB von seinem Standort Frankfurt aus weiterhin gemeinsam mit der Europäischen Kommission die enge Verzahnung europäischer und internationaler Standards vorantreibt.

Die enge Zusammenarbeit zwischen ISSB und EFRAG sowie Frankfurts Rolle als europäisches Zentrum für die Setzung von Nachhaltigkeitsstandards und seine Verbindung nach Brüssel zeigen genau das. Europa gewinnt an Einfluss, wenn es kooperiert, institutionelle Stärke nutzt und globale Regeln mitgestaltet. Auf diese Weise festigt Europa seine Autonomie in einer zunehmend global vernetzten Welt.

Ursprünglich veröffentlicht von Frankfurt Main Finance: The Role of the ISSB in Frankfurt as a Co-Shaper of Global Rules.

Die hier veröffentlichten Beiträge geben die Ansichten der jeweiligen Autorinnen und Autoren wieder und nicht notwendigerweise die der World Alliance.